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Gemalte Zukunft (5)

by Hanno Hauenstein

Irgendwann Anfang der Nuller Jahre mutmaßte ich erstmals, „der Kapitalismus“ sei etwas Schlechtes. Die Mutmaßung pulverisierte im Bauchgefühlsartig-Verbunden-Sein mit Betroffenen, mit Musik, mit Freuden, mit mir selbst. Im Grunde war „der Kapitalismus“, mit mehr oder weniger Distanz betrachtet, mit mehr oder weniger komplizierten Sätzen beschrieben, doch negativer Geburtshelfer dessen, was man „Ich“ nennt. Ja, vielleicht müsste ich „ihm“ eigentlich dankbar sein.

Heute mutmaße ich, dass all das weiter zurückliegt als die frühen Nuller Jahre. Ich erinnere an die Wortfetzen meiner Mutter, wenn sie sich wiedermal am Tagesgeschehen die Haare raufte: „Faschist!“, „Chutzpa!“, „Den Laden abfackeln!“. Vielleicht sickerte schon damals etwas ab (der im Bauch weiterwachsende Melonenkern), etwas das später jene Einstellung zementierte, von der ich heute meine, ich hätte sie mir selbst zurechtgelegt (die Melone).

Mit besagter Melone im Bauch wagte ich mich gestern zum Akzelerationismus-Symposium (im Gegensatz zu manch anderen dort gefallenen Wörtern kann ich das eine inzwischen aussprechen). Entgegen der Vorstellung, die Moderne selbst sei Resultat kapitalistischer Zeitgenossenschaft, so war dort zu hören, müssten wir zu ihrem Geist, d.h. zu ihrem Glauben an eine bessere Welt zurück. Die Nebelfahrt der nachmodernen Linken, ihre Ausrichtung auf Gegenwart und kurzfristige Veränderung, müsse man durch ein Denken ersetzen, das sich traut, Zukunft zu entwerfen („cognitive mapping“), und zwar unter vollem Einsatz der technischen Möglichkeiten. Akzeleration: Der neue Sound des Humanismus.

Gesättigt und etwas verwirrt lief ich später mit Ofri zur U-8. Wir unterhielten uns über das Kuriosum in Berlin lebender Linker, die Hebräisch als Lingua Franca etablieren wollten und sich gleichzeitig gegen die Lokalisierung jüdischen Lebens in Israel aussprächen. Wir mutmaßten, das sei tatsächlich ähnlich kühn und kurzsichtig wie die Thesen der Akzelerationisten. So wie Zionismus eben eine historisch-politische Tatsache sei, ließe sich auch der Kapitalismus nicht einfach wegdenken, geschweige denn das nachmoderne Subjekt bzw. sein Konventions-Korsett.

Ich möchte gern an die Zukunft glauben. Vielleicht wäre es aber doch sinnvoll, wenn ich (wir?) vorher die eigene Melone sezierte(n): die Brutstätte einer besseren Welt.

akz

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